
Wer sind wir? Wo waren wir? Wohin
gehen wir?
Die Schwulenbewegung hat diese
zentralen Fragen unbeachtet gelassen. Tatsächlich würden viele
Schwule uns gerne glauben machen, wir seien ganz genauso wie die
Heteros, mit Ausnahme dessen, was wir in unseren Betten tun.
Andere von uns aber tragen das innere Gefühl in sich, daß wir allerdings
anders sind - daß wir Schwulen ein Volk (im
englischen Text "a people" = "ein Volk") sind.
Als Volk haben wir Eigenarten und eine Sprache, die uns
auszeichnet. Wir haben unsere eigene Vergangenheit, und, was noch
wichtiger ist, unsere eigene Zukunft.
Wir haben in unseren Kindheiten nach Wurzeln und Verbindungen zu unserer speziellen Identität gesucht, und wir sind mit dem Wort FAERIE (engl. eigentlich für "Fee", "Elf", auch: recht abschätzige Bezeichnung für "Homo", besser: "Schwuchtel", von der Faerie-Bewegung adaptiert und ähnlich wie das deutsche Wort "schwul" von ursprünglich sehr negativer zu positiver Wertigkeit verwandelt) aufgewachsen. Als schwule Kinder waren wir entzückt von Geschichten über Faeries, diesen verspielten, magischen, Blumengesichtigen (engl. pansy-face >"pansy"= eigentlich engl. für "Stiefmütterchen" (Blume), auch: eines der weniger netten, engl. umgangssprachlichen Worte für "Homo" ..., Stiefmütterchen, vorzugsweise in Lila und Violett, wurden in der Faerie-Bewegung zu den Lieblingsblumen, sei es als Deko bei Gatherings oder als gestalterisches Element auf Flyern und Newslettern, und inzwischen natürlich auch auf Internetseiten) Wesen, die menschliche Gestalt angenommen haben. Wir selbst wurden ja von unserer Umwelt unser Leben lang als Faeries, verzauberte Wesen, angesehen.
So sind wir also Faeries. Wir sprechen dieses Wort in verschiedenen Arten aus: als Faerie, Fairy, Faery, als Elfen, Elben, Verzauberte ... ganz gleich, wie wir es benennen, unser Bestreben ist es, uns und unsere ureigenste Art zu erforschen und zu feiern. Wir wollen wahrhaftige Gemeinschaft aufbauen im höchstmöglichen Verständnis dessen, wer wir sind. Deshalb glauben wir, daß es notwendig ist, die Frage unserer Identität intensiver zu behandeln.

FAERIE GATHERINGS
Seit 1979 wurden viele Gatherings (von
"come to gather", > "come together",
urspr. altengl. Ruf zur Zusammenkunft der Stämme im heiligen,
abgetrennten Areal > im dt. noch spürbar im Wort
"Gatter" = Einzäunung, nach Frazer)
einberufen und abgehalten, um diese Frage zu erforschen: Wer sind
wir? Die Gatherings finden in ländlicher, abgeschiedener und
sicherer Umgebung statt. Radical Faeries ("radical"
steht hier sehr viel eher für "bis an die Wurzel der Dinge
gehen", weit weniger für "radikal" im üblichen
Sprachgebrauch) sind eingeladen, ihre
Phantasien, Künste, Erinnerungen, Träume und Meinungen
einzubringen. Die Gatherings sind ein provisorisches Sanctuary
("Heiligtum", oder auch "abgeschiedener",
"geheiligter", "geweihter",
"sicherer" Ort), in welchem wir die Masken, welche wir
für die Heterowelt tragen, abnehmen, das Be- und Verurteilen
aufgeben und uns füreinander öffnen. Wer also sind wir? Die
Antworten waren waren in der Vergangenheit allzu simpel und
vorschnell. Hier sind nun einige Anhaltspunkte:

DIE GROSSE MUTTER
Wir empfinden eine besondere Liebe
zur Natur. Aufgewachsen als Faeriejungen, sprachen wir zu Bäumen
und Steinen - wie alle Kinder das tun. Aber anders als die
anderen Kinder teilen wir noch immer unsere Gedanken und Gefühle
mit den Bäumen und Steinen - und umgekehrt. Als Faeries erleben
wir uns als Teil der Balance der Natur. Unser Platz in der Natur
ist geprägt von Heiterkeit, Ehrfurcht und Demut. Wir wissen,
daß, wenn wir einen Teil des heiligen Schauspiels der Natur
durch die Verwüstung der Menschen verlieren, wir einen Teil
unserer Selbst verlieren. Deshalb sind Faeries aufmerksame,
sorgende Hüter des ländlichen Raumes. Wir sind eins mit der
Natur, mit ihrer Mannigfaltigkeit und Zeitlosigkeit.

MAGIE
Wir Faeries haben ebenso unsere
magischen Kräfte erforscht, unsere Fähigkeit, zu Verbinden, zu
Gestalten, zu Heilen und über die Beschränkungen der irdischen
Realität hinauszugehen. Wir nutzen die Meditation und das
Gruppenritual, um uns an uns selbst zu erfreuen, unser Lieben und
Sein zu feiern. Magisches Bewußtsein ist die Verbindung zu
unserer eigenen, innersten Kraft. In der weltlichen Gesellschaft
wurde die Magie mystifiziert, wirr und irreführend gemacht und
heterosexualisiert. Wir Faeries gehen zurück zu den
ursprünglichen Werten der Magie und bringen diese neu ein.

SEX
Es ist nicht verwunderlich, daß
Faeries Sex lieben. Im Sex, wie in allen Dingen, erfreuen wir uns
an der Mannigfaltigkeit. Unsere sexuellen Beziehungen sind
charakterisiert durch den Genuß am Genuß jedes Anderen. In
diesem Sinn ist jedes Teilen, jeder Austausch von Energie
zwischen Faeries sexuell, ob es nun die Genitalien mit
einschließt oder nicht.

GESCHLECHT
Als Faerie-Babies wurden wir alle mit
einem Penis geboren und (wegen dieses Penis) einer Last von
sozialen Erwartungen. Als Faeries sind wir uns deutlichst der
Ungeeignetheit der gesellschaftlichen Geschlechterrollen und der
damit verbundenen Erwartungen bewußt, wenn diese auf uns
angewendet werden.
Wir Faeriejungs hatten eine etwas andere, schräge Art, im
Versuch, einen Ball zu werfen.Die anderen Jungen, (jene, die zu
"richtigen" Männern aufwachsen sollten), sagten uns,
wir würden den Ball wie die Mädchen werfen. Aber die Mädchen,
wenn wir sie fragten, erklärten, daß wir weder
wie die Jungs noch wie
die Mädchen werfen würden - wir würden wie Schwuchteln
(im engl. Text "like a sissy") werfen. Hier ist der
Anhaltspunkt zu unserem wahren Geschlecht. Wir sind keine Männer
im üblichen Sinn. Wir sind anders. Wir sind Schwuchteln. Wir
sind Faeries. Als erwachsene Männer versagen wir noch immer
grandios darin, Männer im klassischen Sinn zu sein. Selbst wenn
er in Levis501-Jeans und Sportshirt daherkommt: es ist absolut
unmöglich, einen Faerie mit einem "richtigen" Mann zu
verwechseln.

FEMINISMUS
Als Faeries sind wir sehr an dem
interessiert, was unsere Schwestern zu sagen haben. Die
Frauenbewegung ist ein wunderbar schöner Ausdruck von
Bewußtsein. Als Faeries nehmen wir gerne am Wachstum dieses
Bewußtseins teil.

POLITIK
Wann immer Faeries wählen, können
sie gewöhnlich davon ausgehen, zur kleinsten Minderheit gezählt
zu werden. Das demokratische System tendiert dazu, uns zu
übergehen.
In politischer Hinsicht neigen Faeries zur Zusammenarbeit. Wir
protestieren gegen Machtmißbrauch. Wenn wir uns treffen, dann in
Kreisen. Wir verbinden uns miteinander im Kreis, kennen nicht
"Basis" und "die da Oben", nicht
"Führer" noch "Gefolgschaft". Wir ziehen es
vor, Entscheidungen aufgrund Konsens getragen von Liebe
zueinander, Sorge füreinander und Teilen miteinander zu fällen.
Wir haben die Erfahrung gemacht, daß das Konsensprinzip
wunderbar für Kreise von 30 oder weniger Faeries anzuwenden ist.
Aber selbst Kreise von vielen hundert Faeries fanden es nicht
notwendig, in alte hierarchische Subjekt-OBJEKT-Muster
zurückzufallen.
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THEATER / KOSTÜM
Das Spiel des Lebens und seine
Myriaden von möglichen Ausdrucksformen bereitet den Faeries nie
endende Freude. Als Faerie-Jungen liebten wir Piratengeschichten
und die Erzählungen von Robin Hood wegen der Kostüme ebenso wie
wegen allem anderen. Wir alle wollten Schauspieler und
Schauspielerinnen werden. Farbenfrohe und phantastische
Kostümierung ist eine unserer Gaben an die Welt, wenn die Welt
es nur annehmen wollte.

SUBJEKT-SUBJEKT-BEWUSSTSEIN
Die weltliche Gesellschaft ist eine
Welt des Fressens und Gefressenwerdens - des Überlebens des
Stärksten, voll von Geben und Nehmen, in der man sich
durchschlagen muß, um vorwärtszukommen. Der schnellste Vogel
kriegt die meisten Würmer. Es schmerzt das Herz von Faeries,
daß sich menschliche Wesen in dieser von Mißbrauch geprägten
Vergewaltigungsökonomie zuhause fühlen können. Die Welt
könnte mit ein wenig gutem Willen ebensogut von Liebe und
sozialem Denken geprägt sein. Wir ziehen es vor, die Heiligkeit
des Lebens zu achten. Faeries sehen das Universum als vollkommen
lebendig und geheiligt an. Wir sind
Subjekt-SUBJEKT mit unserer Umwelt, all
ihren Bewohnern und Ausdrucksformen. Wir setzen uns zu anderen in
Beziehung wie zu uns selbst - als Subjekte.
Diese Verhaltensweise ist innerhalb der Welt des Fressens und
Gefressenwerdens unüblich, anders, sie steuert gegen den Strom.
Das Subjekt-SUBJEKT-Bewußtsein
ist die Essenz unserer Vision als Faeries. Diese Essenz liegt
unserer Achtung der Natur, unserer magischen Praxis, unserer
Sexualität und unserer Beziehung zu Frauen zugrunde. Leider ist
die Welt heutzutage nicht eben erfüllt von diesem Bewußtsein.
Die Welt braucht unsere Gaben und unsere Zeit als Faeries ist nun
gekommen. Gemeinsam können wir unsere Visionen verbreiten und
fördern. Deshalb werden wir weiterhin als Faeries zusammenkommen
und unsere Energie miteinander teilen.

SCHATTEN
Oh ja. Faeries bestehen nicht nur aus
Licht und Klarheit, Reinheit und Güte. Wir tragen ebenso Wut und
Ärger in uns. Wir alle haben Aspekte der Welt des Fressens und
Gefressenwerdens verinnerlicht. Faeries treffen sich, um ihre
Projektionen, ihre Muster und Vorstellungen und ihre Bilder von
Gut und Böse zu prüfen. Wir arbeiten miteinander an der
Integration unserer "dunklen Anteile" in unser
Bewußtsein.

SANCTUARY / HEILIGTUM
Wohin gehen wir, von hier aus? Wir
fühlen, daß wir wirklich auf einem ganz bestimmten Weg sind mit
der Erforschung dessen, was man den Spirit der Faeries nennen
könnte. Wir wollen an dieser Erforschung weiterarbeiten. Eines
unserer Projekte in dieser Hinsicht ist, einen dauerhaften Ort
auf dem Land einzurichten, als Heiligtum für die Faeries. Durch
den Aufbau eines solchen Ortes (dem ersten von hoffentlich
vielen!) können wir uns der Faerie-Arbeit kontinuierlicher
widmen. Wir stellen uns dieses Land als Rückzugsort, als Platz
für Gatherings, als Studien-, Seminar- und Arbeitszentrum vor,
wo wir unsere Künste und Forschungen, unsere Hüterschaft und
unsere Aufgabe als Bewahrer des Landes wahrnehmen können, unsere
Faerie-Kreativität zurückgewinnen und uns im Faerie-Spirit mit
anderen unserer Art austauschen können.
Wenn Du an den Faeries interessiert bist, dann schreib' einfach eine
Nachricht ins Gästebuch.
Laß uns Deine Träume und Visionen wissen.

Copyright des engl. Ursprungstextes: © Gay Vision Circle / NoMenUs, San Francisco, CA, USA 1984
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zuletzt bearbeitet im januar 2003

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