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ZWEI MÄNNER WANDERN

Bevor jemals zwei Männer auf dem weiten und schönen Körper von Vater Erde wanderten, wanderte hier niemand. Das war vor so langer Zeit, daß der Himmel nicht wußte, ob er Mutter oder Vater war. Und die Erde wußte nicht, ob sie Vater oder Mutter war. Dies war in der Zeit, als alle Anfänge und alle Enden noch miteinander verbunden waren, wie ein junger Wolf, der sich in den eigenen Schwanz beißt. Alle Völker waren bereits da, und alle Menschen erkundeten, was es bedeutet, lebendig zu sein. Sie lauschten einander ihrer Lieder und sie tanzen miteinander. Aber niemand hatte bis dahin begonnen, zu wandern. Und dann erträumte Mutter Himmel die "Dazwischen-Wandern-Leute", die Blüte ihres Träumens. Sie erträumte sie, und so kamen sie in die Welt. Zwei wurden dann geboren, zwei Jungen, jeder auf einer Seite der Welt. Und sie wuchsen groß und stark heran im Schutz ihrer Familien. Aber ihre Köpfe wandten sich immer fort, Augen und Ohren hungrig, hungernd nach etwas, was sie um sich herum nicht finden konnten. Einer von ihnen war groß wie eine Eiche. Er war stark wie ein Bär. Er war scharfäugig wie ein Falke und er ging über das Land mit der Grazie eines Delphins. Seine Haut war grün wie die Wälder und seine Augen golden wie die Sonne. Weit fort, auf der anderen Seite der Welt lebte ein anderer "Dazwischen-Wandern"- Mann. Er war stolz wie ein Löwe, so schön wie eine Weide. Er war sanft wie ein Hirsch und er ging übers Land mit der Weisheit einer Eule. Seine Haut war indigo, und seine Augen waren silbern wie der Mond. Mit der Kraft eines Adlers, wenn er den Himmel durchschneidet, der Stärke einer Pinie, wenn sie einen Granitfels durchdringt, ihre Wurzeln hineinsenkt, wächst und gedeiht, mit eben derselben Kraft und Stärke hörten diese beiden Männer jeder des anderen Lied. Sie hörten des anderen Lied und sie begannen, einander zu suchen. Sie sagten ihren Familien Lebewohl und gingen auf Wanderschaft. Am Tage wanderten sie, sangen und kamen einander näher. In der Nacht träumten sie, träumten einer des anderen Lied. Bei Tage berührten ihre Füße jeden Teil der Welt. Bei Nacht erträumten sie all die Freuden, die sie finden würden, wenn ihre Körper gemeinsam sängen. Unaufhaltsam wanderten sie. Sie wanderten so lange, daß Tage und Wochen und Jahreszeiten und Jahre unter ihren Füßen vergingen. Sie trafen sich auf dem Gipfel des Türkisberges. Ihre Augen trafen sich, ihre Herzen trafen sich, ihre Arme und ihre Lippen und ihre Körper trafen sich. Aus dem Lied, welches sie miteinander sangen, erwuchs Schönheit. Erde hörte es und war erfüllt von Schönheit. Himmel hörte es ebenso, und war erfüllt. "Diese sind gute Menschen, ein gutes Volk" sagten sie beide und erfreuten sich an der Freude der beiden Männer. Und aus dieser Freude heraus wurden überall auf der Welt andere "Dazwischen-Wandern-Leute" geboren. Und wann immer zwei Männer sich treffen, um die Lieder ihrer Körper zu singen sind die Ersten Zwei Männer bei ihnen, erfüllen sie mit Freude und singen wieder, mit ihnen, der blaue und der grüne Mann, sie singen mit ihnen, sie wandern mit ihnen, sie erfüllen sie. Und weil wir aus allen anderen Völkern kommen, tragen wir Freude in unseren Körpern für sie alle.

Textauszug aus:
ERZÄHLUNGEN UNSERES VOLKES
Ein Reise-Buch für Männer, die Männer lieben
Zweite, erweiterte und überarbeitete deutsche Fassung 1995/1997

Copyright © der amerikanischen Originalfassung Andrew Ramer 1992/1994
"Stories Of Our People- A Journey-Book For Men Who Love Men"

Copyright © der deutschsprachigen Fassung Johannes Mueller 1991-2004
Alle Rechte der deutschsprachigen Veröffentlichung bei kandayata

 

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zuletzt bearbeitet im januar 2004

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