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 Don Kilhefner:

SCHWULE UND LESBEN AM SCHEIDEWEG:
EINGLIEDERUNG ODER SELBST-BEHAUPTUNG

INVOKATION
ES GAB EINE ZEIT‚ DA DU KEIN SKLAVE WARST
ERINNERE DICH DARAN.
DU SAGST‚ DU HABEST ALLE ERINNERUNG DARAN VERLOREN
ERINNERE DICH...
DU SAGST ES GIBT KEINE WORTE‚ ES ZU BESCHREIBEN.
DU SAGST ES EXISTIERT NICHT.
ABER ERINNERE DICH. BEMÜHE DICH‚ ZU ERINNERN.
GELINGT ES DIR NICHT‚ SEI ERFINDERISCH.

MONIQUE WITTIG

Diese Notizen behandeln nicht die historischen Wurzeln der Amerikanischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Statt dessen beziehen sie sich auf das zunehmend kritische‚ aber weitgehend ignorierte Dilemma‚ welchem sich Schwule und Lesben gegenüber sehen - unsere Assimilation in den Mainstream (der Gesellschaft) gegenüber unserem Gefühl („our enspiritment“) als Gruppe, Gemeinschaft und Volk („as a people“, „als ein Volk“). Dies repräsentiert ein Thema‚ welches die diversen „Oberhäupter“ der schwulen und lesbischen Community‚ aus Gründen des Eigeninteresses oder einer Art kürzlich erworbener Eigenidentifikation‚ mag sein auch aus einem gewissen Klassendenken heraus sich weigert wahrzunehmen. Ich spreche von nichts geringerem als einer „Wiedereinsetzung“ oder „Neuerfindung“ („reinventing“) unserer Selbst als schwule und lesbische Menschen.

 Für die meisten schwulen Männer - und ich fühle mich nur qualifiziert‚ für sie zu sprechen‚ nicht für lesbische Frauen - ist die Idee‚ mehr noch die Erforschung speziell schwul-lesbischer Spiritualität‚ Politik und Heilung eine gänzlich neue Sache. Die Angelegenheit ist voller Enthüllungen und sie ist revolutionär. Einen Ansatzpunkt zu alledem stellen die drei Grundfragen dar, welche in den frühen Fünfziger Jahren von der Mattachine Society den Schwulen und Lesben gestellt wurden: „Wer sind wir?“ „Woher kommen wir?“ und „Wozu sind wir da?“. Die Suche nach der Antwort zu diesen Fragen ist heute weitaus von größerer Bedeutung für die existentielle Realität und das Wohlbefinden der Schwulen und Lesben als zu jener vor fünfunddreißig Jahren‚ als sie zum erstenmal gestellt wurden.

An diesem Punkt ist es am einfachsten‚ klarzumachen, wer Schwule und Lesben NICHT sind - wir sind keine „Homosexuellen“. Das Konzept des Homosexuellen ist ein modernes westliches Phänomen. Es war ein Mann‚ ein Arzt‚ welcher zuerst dieses Wort wählte‚ um eine Person zu definieren welche von einer anderen Person des gleichen Geschlechts sexuell angezogen wird. Seither hat die Heterosexuell-Maskuline („patriarchalische“) Kultur dieses Konzept benutzt‚ um Schwule und Lesben zu kontrollieren‚ und dieses nicht nur auf einer physischen Ebene sondern auch auf den spirituellen und mentalen Ebenen unseres Seins. Es ist wichtig‚ sich klarzumachen‚ daß der Mythos des Homosexuellen‚ wie er von den Heterosexuellen kreiert wurde eben nur dieses ist: Ein MYTHOS. Aber‚ wie alle von der Gesellschaft erschaffenen Mythen und deren Strukturen hat auch dieser die ungute Eigenschaft‚ ein Eigenleben zu entwickeln. So vermochte er während der letzten hundert Jahre unsere Entfaltung und Entwicklung als Gruppe mit seinen negativen Implizierungen von Sünde und Krankheit schmerzhaft zu beschneiden. Nahezu alles in der harten und phantasievollen Arbeit der Homophil-Schwul-Lesbischen Bewegung der letzten drei Jahrzehnte ist von diesem Mythos und durch ihn geprägt worden. So war das Hauptanliegen unserer Bewegung auch‚ den negativen Mythos des Homosexuellen durch einen Positiven zu ersetzen und zwar durch die Abweisung des Gefühls der Perversität und durch die Ablehnung effeminierter Stereotypen. Trotz alledem bleibt der Mythos ein von Heterosexuellen gemachter und definierter‚ ob er nun negativ oder positiv bewertet wird.

Heutzutage ‚ trotz der sozipolitischen Rethorik der Schwulen und Lesbenbewegung ‚ gelten HOMOSEXUELL und SCHWUL und LESBISCH als Synonyme für das gleiche Ding‚ (was in einer kurzen Zeit zwischen 1970 und 1973 durchaus nicht so war). Ganz gleich‚ wie auch immer liberal und progressiv unser Selbstbild als Schwule Männer auch sein mag‚ die meisten von uns haben ihr Leben nach der Matrix des Mythos vom Homosexuellen ausgerichtet‚ trotz alledem. Unsere so genannte schwule Identität ist zum allermeisten Teil Heterosexuell-maskulin (patriarchalisch) bestimmt und definiert. Zum Beispiel die vollmundigen Vorsätze diverser schwuler und lesbischer Konferenzen in früheren Jahren bezüglich der Entwicklung einer positiven schwul-lesbischen Identität sind im eigentlichen darauf ausgerichtet‚ positivere Wege des Kopierens des Homosexuellen Mythos zu erlernen‚ einer mythischen Struktur‚ von der wir uns gerne umgarnen lassen. Dies alles hat herzlich wenig zu tun mit dem Herausfinden unserer wahren Eigenidentität als Gruppe oder Gemeinschaft („as a people“). Unser Bewußtsein ist inzwischen sehr gut „kolonisiert“ worden.

Indem wir versuchen‚ uns innerhalb der Gesellschaft als ein Teil derselben zu betrachten‚ wenn wir erkennen wollen‚ wer wir sind als Schwule und Lesben‚ finden wir uns wieder in übernommenen Definitionen sexueller Orientierung‚ des Mythos welche nicht von uns selbst‚ sondern von „Außen“ stammen und uns „übergestülpt“ wurden. All dies ist nicht nur Schwulen und Lesben geschehen‚ es ist nicht ein einzigartiges Problem schwuler Männer. Mary Dalys „GYN/ECOLOGY“ zum Beispiel stellt eine brillante Analyse desselben Themas in Bezug auf eine wirklich frauenspezifische ldentitätsfindung für Frauen dar.

Die vergangenen Jahrzehnte schwulen und lesbischen Aktivismus haben uns ein wenig Zeit gegeben‚ über die tieferen Fragen unserer Selbst nachzudenken. Dies hat schwule Männer dazu gebracht‚ eine kritischere Nähe zum Prozeß unserer wahren Selbstfindung außerhalb des Homosexuellen Mythos einzunehmen. Diese neue Matrix ist von herausragender Tragweite für unsere zukünftige Evolution als Gemeinschaft (-ein Volk / as a people) und für die re-Visionierung unserer Bewegung als einer Selbst-bestimmten Bewegung. Wir stehen nun an der „metaphorischen“ Weggabelung. Den einen Weg nenne ich den Weg der schwulen und lesbischen Assimilierung. Dieser Weg basiert auf dem positiven Mythos des/der Homosexuellen‚ eine weitestgehend unerforschte und unbewiesene Sache‚ aus der heraus gefolgert wird‚ daß wir „nicht different sind vom Rest der Welt‚ es sei denn bezüglich dem‚ was wir in unseren Betten tun“. Von der Wahl unserer Sexpartner einmal abgesehen‚ sind wir wie die Heterosexuellen.

Für die schwulen und lesbischen Assimilationisten sind die gesetzliche Gleichstellung („civil rights“) und die Akzeptanz der Heterosexuellen das wundertätige Allheilmittel. Persönliche Identität und Lebensplan basieren auf den heterosexuellen Modellen von Respektabilität und Klassen/Aufstiegsdenken. Nichtschwules‚ nichtlesbisches Verhalten‚ ebensolches äußeres Erscheinungsbild werden bevorzugt‚ ja gefordert. Für die schwulen und lesbischen „Assimilationisten“ bedeutet politischer Erfolg‚ daß die Schwulen und Lesben ebenso machtorientiert, manipulativ und konkurrenzdenkend werden wie heterosexuelle Männer in ihrem Spiel der Wählerstimmen und der Gemeindepolitik. Zur Zeit wird die schwul-lesbische Bewegung ebenso wie ihre Medien von schwul-lesbischen Assimilationisten dominiert. Und dies ist einer der Gründe für die Tatsache ‚ daß wir unseren „Führern“ („Leaders“) nicht vertrauen können. Im Resultat ‚ wenn dann „schwul-lesbische“ Politik‚ Religion, Psychologie usw. genannt werden‚ ist es nicht viel mehr als die Hetero-Maskulin (patriarchalische) Thematik‚ lediglich mit dem Präfix „schwul—lesbisch“ versehen‚ Opportunistischerweise oder einfach gedankenlos vor die Worte gesetzt. Sogenannte „schwule und lesbische“ Kirchen und Synagogen basieren ebenso auf denselben altbekannten Strukturen‚ demselben altbekannten Bewußtsein und denselben Werten wie ihre patriarchalisch bestimmten Prototypen. Ein „schwuler“ Politiker ist nicht von seinem nichtschwulen Partner zu unterscheiden. Im Grundzug gilt das auch für die „schwulen/lesbischen Therapien‚ die sich nur minimal von dem unterscheiden‚ was heterosexuelle Therapeuten anbieten. Nach alledem stellt sich die Frage‚ wenn wir also wirklich wie SIE sind‚ warum sollten wir nicht einfach ein wunderbares Spiegelbild‚ eine perfekte Imitation der heterosexuellen Gesellschaft werden?

Wenn ich mich in Gesellschaft schwul-lesbischer Assimilationisten befinde‚ fühle ich mich oft als wie im Kreise mit „normalen/heterosexuellen“ Männern („straight men“) und ich fühle mich dann an den schwulen Autor James Baldwin erinnert‚ an seine Warnung‚ daß‚ wenn eine Minderheit sich anschickt sich zu assimilieren sie dieses immer absolut und total im Sinne der dominanten kulturellen Struktur vollzieht. Und schwule Männer sind Innerhalb der Heterokultur dann akzeptiert‚ wenn sie aussehen‚ sich benehmen und denken wie „normale Männer“. In diesem Prozeß werden sie entgeistigte Menschen‚ sie verlieren ihr Selbst.

Die Schwarzen haben ihre „OREOS“ (schwarze Menschen‚ die außen schwarz sind und innen weiß)‚ die amerikanischen Ureinwohner haben ihre „APPLES“ (Menschen‚ die außen rot und innen weiß sind). Ein Freund hat mir kürzlich die Bezeichnung „WAX FRUIT“ vorgeschlagen‚ um gleichermaßen akulturierte Individuen in Bezug auf Schwule und Lesben zu benennen. Im Großen und Ganzen komme ich mehr und mehr davon ab‚ mit schwulen und lesbischen „Assimilationisten“ zusammenzusein. Ich fühle mich dabei immer als würde ich spirituell vergewaltigt.

An der „metaphorischen“ Wegegabelung auf jener Strasse‚ da wir nun uns selbst zu finden suchen‚ gibt es auch noch den anderen Weg‚ die alternative Möglichkeit für uns schwule Männer. Ich spreche dabei vom Pfad der schwul-lesbischen „Spiritualisierung“ („enspiritment“). Noch ist dies eine wenig bekannte und erforschte Sache‚ doch wird diese Alternative von immer mehr schwulen Männern überall im Lande erprobt. Viele von denen‚ die nun diesen Weg beschreiten‚ befanden den Weg der schwul-lesbischen Assimilation als zu erniedrigend‚ den zu zahlenden Preis der Akzeptanz als zu hoch für Ihre Seelen. Diese andere Möglichkeit nun besagt‚ daß die Realität des Schwul/Lesbischseins radikal different ist zum sogenannten „normalen Dasein“ (BEACHTE: Different‚ NICHT besser oder schlechter!). Diese schwul-lesbische Realität ist in uns‚ und sie ist für uns substantiell und von allergrößter Bedeutung. Sie ist REAL. Wir können sie fühlen in unseren Herzen und in unserem Innersten. Und es hat nichts mit den diversen heterosexuellen Mythen zu tun, weder positiv noch negativ‚ was es heißt‚ Schwul und Lesbisch zu sein („to be GAY“).

Menschen anderer kultureller Traditionen als unsere haben diesen Unterschied lange schon gesehen und verdeutlicht. Die anthropologische Literatur ist voll von Beispielen. So benutzen die Crow-Indianer (Nordamerikas) traditionell das Konzept der „BOTE“‚ um uns zu beschreiben – „nicht Mann/nicht Frau aber anders“. Kleine Kinder sehen ebenfalls den Unterschied. Kürzlich hörte ich meine dreijährige kleine Freundin ... in Bezug auf einen ihrer Vorschulfreunde sagen: „Don ist kein Mann“. Wenn wir als schwule Männer daran gehen‚ außerhalb des homosexuellen Mythos unsere kulturelle und spirituelle Geschichte zu suchen‚ entdecken wir eine historische Linie‚ die uns zeigt daß es zu allen Zeiten bis heute ein schwul-lesbisches Bewußtsein gegeben hat. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde dieser schwul-lesbische Geist von einer großen Reihe von schwulen Mystikern und Visionären erforscht‚ dargestellt und vertieft: Walt Whitman‚ Edward Carpenter‚ Gerald Heard, Harry Hay und vielen anderen.

Walt Whitman (1819—1892)‚ Der Poet Amerikas‚ ist von größter Bedeutung für die Entwicklung eines schwulen Bewußtseins. Durch die Gegenüberstellung von Individuen als entweder „adhesive“ (Gay‚ Schwul/Lesbisch) oder „amatory“ (Hetero) in ihrer Natur wurde ZUM ERSTEN MALE IN DER ÜBERLIEFERTEN GESCHICHTE durch Whitmans „LEAVES OF GRASS“ unser Sein als Menschen mit einer bestimmten und speziellen Vision und spirituellen Essenz beschrieben und nicht nur als sexuelle Interaktion. Für die schwulen Männer in Whitmans Zeit war seine Poesie von größter Bedeutung‚ sie waren mit ihm und seinem Werk auf einer tiefen Geistesebene verbunden‚ was sich bis heute erhalten hat und weiterwirkt.

Von Whitman stark beeinflußt‚ erweiterte der bekannte Britische Sozialist Edward Carpenter (1844-1929) Whitmans „Pionierarbeit“ um ein nicht unbeträchtliches durch seine bahnbrechenden Schriften über den „intermediate type“ (den „dazwischenliegenden Typus“ = Schwul/Lesbisch). Von besonderer Bedeutung waren seine Forschungen auf dem Gebiet der Rolle‚ die Schwule und Lesben traditionell in nichtwestlichen Kulturen überall auf der Welt spielten - als Schamanen‚ Heiler‚ Priester, Magier („magicmakers“)‚ Mittler‚ Seher und Wegbereiter („Innovators“) der Künste und Handwerke. Carpenters weitreichende Beobachtungen über die einzigartige funktionale Rolle von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft wurden kürzlich von Harvards E.O. Wilson‚ dem Begründer des neuen akademischen Feldes der Soziobiologie‚ wiederholt und erweitert. In seinem Buch „On Human Nature“ erläutert Wilson „Da ist ... die starke Möglichkeit‚ daß Homosexualität eine besonders bezeichnende milde und sanfte Verhaltensweise („a distinctive beneficient behavior“) ist‚ die als ein wichtiges Element früher menschlicher sozialer Organisation auftrat. Homosexuelle scheinen die genetischen Träger der intensivsten altruistischen Impulse der Menschheit zu sein“.

Gerald Heard (1890-1971)‚ der lange in Los Angeles lebte, war ein profilierter Autor‚ Anthropologe‚ Geschichtsphilosoph, BBC-Kommentator zum Thema Wissenschaft‚ Vedantist und Science-Fiction-Schriftsteller‚ auch hatte er großen Einfluss auf die Britischen Intellektuellen seiner Zeit. Er begann zuerst innerhalb des Kontext der evolutionären Biologie über unser „Anders-Sein“‚ unsere Unterschiedlichkeit als Schwule und Lesben (er nannte uns „isophyls“) zu arbeiten. Sein Empfinden war‚ daß Schwule und Lesben diejenigen waren‚ die innerhalb der menschlichen Spezies am besten das biologische Konzept der Neotenie, der verlängerten Jugend repräsentierten. Unsere neotenische Natur erlaubt es uns Schwulen und Lesben‚ offen zu sein, zu wachsen‚ mobil und forschend lange nachdem unsere heterosexuellen Altersgenossen gezwungen sind‚ sich im Rahmen der Stabilität und der Fortpflanzung‚ der Elternschaft und der sogenannten Reife niederzulassen und festzulegen. Aufgrund dieser neotenischen Nichtspezialisierung‚ so Heard‚ waren schwule und lesbische Menschen in der Lage‚ einen so reichen Beitrag zur menschlichen Kultur zu leisten.

Heard war der Vorläufer der innovativen Arbeit‚ welche die Humanethologin Dr. Charlotte Bach (1920-1981) leistete, welche an der Universität von London lehrte. Eine der Lektionen der Geschichte der Wissenschaft‚ wie Bach feststellte ist‚ daß, um die richtige Antwort zu erhalten es oftmals der richtigen Fragestellung bedarf. „Warum gibt es überhaupt Schwule und Lesben?“ und „Warum hat die Evolution Schwulsein und Lesbischsein nicht schon vor Jahrmillionen eliminiert?“ Wie Heard war sie der Meinung‚ daß die Antwort einfach ist: Schwulsein/Lesbischsein ist ein unverzichtbarer evolutionärer Faktor innerhalb unserer Spezies.

Wo Heard die Bezeichnung „Neotenie“ gebrauchte‚ um Schwule und Lesben zu charakterisieren‚ benutzte Bach die Bezeichnung „sexuell Zweideutig/Doppelsinnig („sexually ambiguous“) in ihren Veröffentlichungen. Unter Benutzung eines evolutionären Entstehungsmodells für unsere Spezies‚ behauptet Bach‚ daß es die heterosexuelle Mehrheit ist‚ welche die stabile‚ zumeist konservative Basis darstellt‚ die für das laufende reproduktive Überleben unserer Art notwendig ist‚ während es die sexuell Zwiedeutige/Doppelsinnige (s.o.) Minderheit („Gays“, Schwule und Lesben) ist‚ die garantiert‚ daß das signifikante evolutionäre Verhalten sich verändert‚ welches ohne Zweifel evolutionäre signifikante anatomische Veränderungen bewirkt. In Bachs Sicht: „Schwule und lesbische Menschen sind für das Überleben unserer Art ebenso wichtig wie sogenannte „normale“ Menschen. Schwule und Lesben und „Normale“‚ weit entfernt davon‚ die gegensätzlichen Enden einer Polarität zu sein‚ sind komplementäre Teile einer Einheit‚ namentlich der Einheit der menschlichen Spezies“.

Dies hilft ‚ zu erklären‚ warum Schwul- und Lesbischsein immer überlebt hat und existent war im Fluß der Geschichte. Whitman‚ Carpenter und Heard haben‚ neben anderen‚ den Lauf der Schwul-Lesbischen Spiritualisierung („enspiritment“) in bewundernswerter Weise geformt und gefördert‚ und heute wird diese Arbeit fortgesetzt von einer neuen Generation vom schwulen Männern (und Lesbischen Frauen! Anm. d. Ü.)‚ die ihnen auf diesem Weg folgen. Dieser Pfad schließt mit ein, daß wir uns völlig neu definieren‚ unsere Geschichte und unsere Kultur außerhalb des Mythos vom Homosexuellen und weitab von schwul-lesbischer Assimilierung neu betrachten. Schwule Männer haben bisher noch keine adäquate Sprache‚ um viel von diesem Paradigmawechsel im Bewußtsein zu beschreiben‚ aber von überall her im ganzen Land ist eine signifikante Bewegung in dieser Richtung entstanden.

Der Historiker Arthur Evans veröffentlichte 1978 sein bahnbrechendes Buch „Witchcraft and the Gay Counterculture“ mit dem er einen wichtigen Beitrag zur Schwulen und Lesbischen Historiographie leistete. Das Buch‚ untertitelt „A Radical View of Western Civilization and Some of the People lt Has Tried to Destroy“ ist heftig umstritten und wird hitzig debattiert. Und in „The Night Sun“ besingt der Poet Aaron Shurin aus San Francisco neue Möglichkeiten für Schwule Männer in seinen Heilungsgesängen.

Mitch Walker hat in „Visionary Love“ einen Weg aufgezeigt der uns noch tiefer hineinführt in diesen Pfad der schwulen Spiritualisierung durch den Gebrauch von Konzepten und Terminologien‚ die mehr dem entsprechen‚ was schwule Männer sehen und fühlen und wie sie sich bewegen in der Welt. Harry Hay und der Autor dieses Textes haben‚ indem sie den vorkämpferischen Bemühungen von Arthur Evans und anderen folgen wichtige und bahnbrechende Arbeit zum schwulen Bewußtsein geleistet durch die Rückbesinnung auf den Archetypus des Verzauberten („Faery“) zur Erforschung des Mysteriums.

Im Jahre 1979 trafen sich auf dem ersten „Spiritual Gathering for Radical Faeries“ mehr als zweihundert schwule Männer aus ganz Nordamerika‚ um in der Wüste von Arizona eine Erkenntnis ihres wahren innersten Selbst zu erfahren. Es ging um die Selbstidentifikation als schwule Männer‚ sie waren eingeladen „die häßliche grüne Froschmaske der hetero-maskulinen Imitation gegen den dahinter verborgenen verzauberten Prinzen einzutauschen“.

Harry Hay ist eine zentrale Figur im Wachstum der schwulen Bewegung in diesem Land. Indem er sich hinausbewegt zu neuen Dimensionen einer schwulen Spiritualität‚ ruft Hay alle Menschen auf zu erkennen‚ daß es einen qualitativen Unterschied zwischen schwul-lesbischem Bewußtsein und heterosexuellem Bewußtsein gibt. Schwule und Lesben besitzen ein anderes „Fenster zur Welt“, unseren eigenen Weg des Sehens‚ unsere eigene Vision. Hay nennt es Subjekt-Subjekt Bewußtsein im Kontrast zum Subjekt-Objekt Bewußtsein der hetero—männlichen Kultur‚ welche uns umgibt. Schwule Männer tragen ein einzigartiges Potential in sich‚ um die Natur und andere Wesen nicht als Objekte‚ die zu manipulieren und zu beherrschen sind sondern als Subjekte wie sie selbst wahrzunehmen‚ sie zu respektieren und zu verehren. In Mustern wie Opportunismus‚ Macht‚ Unterwerfung und Selbstverleugnung zu denken entsteht aus einem Subjekt-Objekt-Bewußtsein. Die Gabe‚ das Geschenk des Subjekt-Subjekt-Bewußtseins ist Gleichheit, Teilen‚ Lieben und Heilen. Für eine lange Zeit haben Schwule und Lesben versucht‚ unsere Unterschiede zu Heterosexuellen soweit als irgend möglich zu minimieren‚ um zu überleben. Nun aber‚ zum ersten Mal in der Geschichte‚ sind Schwule und Lesben dazu aufgerufen‚ die Unterschiede zu „Normalen“ zu maximieren‚ als einen Akt der Liebe – uns selbst und ihnen gegenüber.

Die Maximierung der Unterschiede heißt nicht „wir gegen sie“. Es ist kein Aufruf zu einem schwul-lesbischen Separatismus oder zur Bildung elitären Gruppenbewußtseins. Es meint‚ wie auch immer, daß Schwule und Lesben einen radikalen neuen Prozeß der Selbst-Entdeckung beginnen müssen‚ der damit anfängt was in uns ist‚ wir müssen beginnen‚ herauszufinden‚ wer wir wirklich sind‚ und wir müssen beginnen‚ eine Sprache zu entwickeln‚ die es erlaubt‚ diese essentiellen Unterschiede zu unserer dominanten Kultur auszudrücken. In diesem Prozeß werden wir ein Spiegel werden‚ der es Heteros erlaubt, sich selbst und ihre Kultur aus einem Blickwinkel zu betrachten, der ihnen bisher verschlossen war. Welch größeren Akt der Liebe könnten schwule und lesbische Menschen in einer Zeit leisten da die hetero-männliche Kultur zu einer tödlichen Bedrohung für das kontinuierliche Überleben unserer Art und anderer Wesen auf diesem Planeten geworden ist‚ welch größeren Akt des liebenden Mitgefühls könnten schwule und lesbische Menschen darbieten? Dies ist ein Beitrag‚ den schwule und lesbische Menschen immer erbracht haben. Nun‚ wie auch immer‚ gibt es ein Potential, unseren Tanz des Dharma auszuführen‚ mit einem Grad an Bewußtheit und Mitgefühl‚ wie er nie zuvor möglich war, weder für Schwule und Lesben noch für “Normale“.

Wir müssen lernen‚ unser Anders-Sein zu schätzen und zu achten es nicht zu negieren und zu unterdrücken‚ unser Schwul- und Lesbisch-Sein zu feiern in eigenen und spielerischen Formen uns ins Bewußtsein rufen‚ daß es einen reichen Schatz in uns und außerhalb von uns gibt‚ und neue Modelle finden die Informationen und das intuitive Wissen‚ welches wir so lange in uns trugen und nicht nach außen bringen konnten zu erläutern und zu veräußern.

So ist mein Ruf an die schwulen und lesbischen Menschen der: Geht hinter den Mythos des/der Homosexuellen‚ geht über ihn hinaus. Versteht‚ daß Schwul- und Lesbisch-Sein nicht dasselbe ist wie ein Homosexueller bzw. eine Homosexuelle zu sein. Eine neue Welle in der schwul-lesbischen Befreiung formiert sich. In einem tiefen und immens bedeutsamen Sinn hatte keiner von uns bisher wirklich ein „Coming Out“.

 Don Kilhefner:
„GAY PEOPLE AT A CRITICAL CROSSROAD : ASSIMILATION OR AFFIRMATION?”

Auszug aus
“GAY SPIRIT - MYTH AND MEANING”
Copyright 1987 by
MARK THOMPSON

Übersetzung ins Deutsche mit Zustimmung der Autoren durch
Johannes Müller, Heidelberg 09/1991 & 04/1992 und Berlin 10/2000

 

 

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        kandayata
zuletzt bearbeitet im juli 2003

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